10. Juni 2002

Webhosting-Markt am Scheideweg

1&1 sieht Ursache der derzeitigen Krise in den Nachwehen des Internet-Hypes /// Preiskampf unter Rechenzentrum-Betreibern mitverantwortlich für wirtschaftliche Schwierigkeiten einiger Anbieter /// 1&1 stockt Kapazität um 65 Prozent auf

Die derzeitige Krise bei Betreibern großer Rechenzentren wird nach Ansicht von 1&1-Vorstandssprecher Andreas Gauger den deutschen Webhosting-Markt nachhaltig verändern: „Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten technischer Dienstleister lenken jetzt den Blick auf die Geschäftsmodelle vieler Vermarkter.” „Viele Webhosting-Anbieter gründen ihren Erfolg derzeit auf die günstigen Einkaufspreise für technische Dienstleistungen”, erläutert Andreas Gauger. „Sie verlassen sich darauf, dass ihnen eine geringe Fertigungstiefe Kostenvorteile gegenüber dem Wettbewerb bringt. Doch der Preisverfall ist durch Überkapazitäten verursacht, die während des Internet-Hypes aufgebaut wurden. Eine vorübergehende Erscheinung, die mit Abschluss der Marktkonsolidierung kippen wird. Auf Dauer können die Betreiber die derzeitigen Preise nicht durchhalten, wie man an den spektakulären Insolvenzen von Firmen wie Exodus oder KPNQwest deutlich sieht.”

Nach Ansicht von Gauger sei es nicht mehr auszuschließen, dass zahlreiche deutsche Internet-Präsenzen nun von einem wirtschaftlich angeschlagenen Rechenzentrums-Betreiber an neue Betreiber weitergereicht werden müssen. Davon betroffen wären viele Kunden sowohl mit ihren privaten als auch gewerblichen Internet-Auftritten. „Der Fall, dass eine so große Anzahl Internet-Präsenzen unter Zeitdruck an neue Betreiber übertragen werden müssen, möglicherweise noch auf andere technische Plattformen, ist bisher ohne Vorbild.” Die Vertragsverhandlungen mit Leitungsanbietern seien dabei nur ein Punkt. Damit ein solches Projekt gelingt, kommt es laut Gauger jetzt vor allem darauf an, das technische Personal bei der Stange zu halten. Die DENIC müsste z.B. für jede .de-Domain die IP-Adressen ändern. Unter Umständen müßten Kunden einem notwendigen Wechsel von Domains auf einen neuen Provider individuell per KK-Antrag zustimmen. Falls ein Transport von Datenträgern oder Web-Servern an neue Standorte per LKW nötig wird, sollte das sehr sorgfältig geplant werden. Werden Präsenzen auf neue Hardware umgezogen, müssen gegebenenfalls Funktionen auf Kundenwebseiten wie CGI-Skripte neu programmiert werden und zahlreiche Schnittstellen zu anderen Systemen überprüft werden.

„Trotz der anfänglich größeren Investitionen in eigene Technik war unsere Entscheidung für eine hohe Fertigungstiefe richtig”, meint Gauger zusammenfassend. „Dadurch kann 1&1 in der aktuellen Marktsituation flexibel reagieren.” Gauger nennt neben eigenen Datenleitungen zu wichtigen Internetknoten und dem eigenen Rechenzentrum vor allem die selbst entwickelte Server-Technologie auf Linux-Basis sowie die Mitarbeit und Beteiligung bei Domain-Vergabestellen wie DENIC (.de) oder Afilias (.info). Nur deswegen lasse sich heute Software für Domainregistrierung, Homepage-Speicherplatz, oder auch die Abrechnungssysteme kurzfristig skalieren. Und auch die 1&1-eigene Bandbreite der Europa-Ringleitung könnte ohne Geschwindigkeitsverlust kurzfristig die doppelte Datenmenge aufnehmen. Bereits am 1. Juli 2002 sollen alle Systeme soweit ausgebaut sein, dass bis zu 1,7 Millionen Domains zusätzlich im Rechenzentrum der 1&1 Gruppe eine neue Heimat finden könnten. Das entspräche immerhin einer Produktionsausweitung von über 65 Prozent in nur einem Monat. „Die dazu benötigten Server sind bereits bestellt und sollen bis dahin eingebaut, eingerichtet und getestet sein, um für alle Fälle bereit zu stehen”, verspricht Andreas Gauger.